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Glocken und Spiritualität

Zuerst: Eine Enttäuschung.
Auch wenn es heute scheint, die Christenheit habe die Glocken für sich „gepachtet“ – historisch ist das Gegenteil der Fall:
Denn die Chinesen haben die Glocken erfunden. Noch dazu: Die ganz frühe christliche Kirche konnte mit Glocken nichts anfangen. Glocken galten als heidnische Zeichen.
Nur mit einem Rückgriff auf das alte Testament hat sich eine christliche Glockentradition begründen lassen: Im 2. Buch Mose, Kapitel 28, Vers 33 ff. wird das Obergewand des Hohepriesters beschrieben, mit dem er das Heiligtum zu betreten hatte. An dem Saum des Gewands sollten abwechselnd Granatäpfel und goldene Glöckchen befestigt werden, so dass man den Klang hören konnte, wenn er ins Heiligtum hinein und wieder herausging.

Liturgische Handlung – im Alltag.
Historisch gesichert ist, dass Glocken seit dem 8. Jahrhundert ein Zeichen zum Gebet sind: Denn in der alten Kirche hatten sich die Gemeinden noch zum Morgen- und Abendlob in den Gotteshäusern versammelt. Zunehmend wurde das Stundengebet aber ausschließlich den Ordensleuten und Klerikern vorbehalten. Dennoch: Im Volk blieb das Bewusstsein lebendig, dass jeder Tag von Gebet begleitet sein soll. Über das öffentliche Läuten und Schlagen der Glocken wurde deshalb ein Weg gefunden, wie sich die arbeitenden Menschen dem Stundengebet anschließen konnte. Dieser methodische Ansatz wurde immer weiter verfolgt: Wichtige Handlungen in den Gottesdiensten werden bis heute über die Glocken nach außen übertragen. Das Vaterunser kann so mit gebetet, der Zeitpunkt der Wandlung bewusst mit erlebt werden. Dieses Unterbrechen der Arbeit auf dem Feld, im Alltag, ist ebenfalls eine liturgische Handlung. Oft wird sie verdeutlicht durch das Schlagen des Kreuzes, ein gesprochenes oder stilles Gebet.

War es das – ein kurzes Unterbrechen?
Das Unterbrechen der Arbeit, des Gleichförmigen, führt in die Gegenwart - in den Augenblick. Die Glocken sind ein Laut, der das geschäftige Leben übertönt, der alles in die Spähre des Geordneten emporhebt. Mit dem Glockenschlag öffnet sich das Dasein in die göttliche Dimension. Es ist der Durchbruch zur Transzendenz, zum wahren Wesen des Menschen.
Auch sprachlich lässt sich die gleiche Spur verfolgen: „Sonat hora“ – es ertönt die Stunde. Damit ist nicht in erster Linie die von der Uhr gemessene (Zeit-)Stunde gemeint, sondern die qualifizierte Stunde, die vom Ewigen getragene Stunde, der Augenblick Kierkegaards, in dem das Bleibende und Überdauernde da ist. Aus der Einförmigkeit der Zeit hebt sich die Hora, von der Glocke angesagt, heraus. Es ist die Stunde, in der das Heilige geschieht. Es ist die Gegenwart Gottes im Jetzt.
Nicht umsonst gilt in ekstatischen Kulten Lärm als Bestandteil des Chaos – und das darauffolgende Schweigen als ein Zeichen der Nähe Gottes.

Glocken und der innere Mensch.
In einem Handbuch der musikalischen Akustik von 1951 steht, dass der Impuls, der erste Anstoss zur Schwingungsbildung, letzten Endes aus dem ewigen Urgrund herkomme. Wenn gilt, dass es nichts Lebendiges gibt, das sich dem Gesetz der Schwingung entziehen kann, dann tritt eine Glocke in einen umfassenden ganzheitlichen Dialog mit uns Menschen: Optisch, akustisch und …? Hier endet die Sprache. Es bleibt nur die Umschreibung: Die Glocke tritt in einen Dialog mit der Seele des Menschen. Es entsteht eine tiefe Resonanz, ein „innerer Schlagton“. Es geschieht Gotteswahrnehmung, Gotteserfahrung. Wir sind mit Hilfe der Glocke am mystischen Kern der Religion angekommen.

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Im Glockenschlag berührt die Zeit ihren Gegenpol, die Nichtzeit – und das ist die Ewigkeit.
(frei nach Werner Bergengruen)

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Literaturempfehlung:
Glocken in Geschichte und Gegenwart, Kurt Kramer (Hrsg.), Band 1 und 2, Badenia Verlag, Karlsruhe, 1997